Ein Blick in die Glaskugel ist immer etwas Spekulatives. Profis schauen nicht in die Glaskugel, sondern bauen einen Prototyp. In der Autoindustrie sind der Bau und die Präsentation von Prototypen ein bewährter Weg, um die Zukunft vorherzusagen. Was macht SAP? Niemand verlangt von SAP, eine ERP-Spezifikation für einen S/4-Nachfolger abzugeben. Aber das Aufzeigen von Möglichkeiten, die Basis für Innovationen und der Wille, über Hana und S/4 hinauszudenken, wären für die SAP-Bestandskunden eine Zukunftsversicherung.
Ähnlich wie Apple mit der aktuellen Datenbrille bei Weitem nicht alle Fragen beantwortet, aber einen sehr wichtigen Diskurs angestoßen hat, sollte auch SAP den Mut aufbringen, in eine ERP-Zukunftsdiskussion einzusteigen. Spricht man den SAP-Chef Christian Klein auf eine mögliche Zukunftsvision an, hört die Community die monotone Antwort: S/4 ist bis 2040 in Wartung – ein so weitreichendes Wartungsversprechen macht kein anderer IT-Anbieter!
Wahrscheinlich wird Apple nur wenige 100.000 Stück seiner neuen Datenbrille verkaufen, aber es ist offensichtlich der wichtigste IT-Prototyp für einen weiteren Evolutionsschritt. Mit dem bekannten ganzheitlichen Apple-Ansatz entstand nicht nur eine Datenbrille, sondern mit einem dazu passenden Betriebssystem ein Datenbrillenuniversum. Das Betriebssystem wird wachsen und die Datenbrille ihre Form verändern und optimieren.
Christian Klein verweigert sich leider, ähnlich mutig und innovativ über die Zukunft nachzudenken, was eine große Gefahr für die Bestandskunden darstellt. Wer wird einen S/4-Nachfolger programmieren? Die Entwickler bei SAP oder ein Start-up mithilfe von ChatGPT? Weder die Community noch SAP besitzen eine Glaskugel, die hier fundierte Antworten liefern kann – wahrscheinlich nicht einmal ChatGPT könnte eine seriöse Antwort liefern. Umso wichtiger wäre ein Diskurs über die ERP-Zukunft, um Argumente und Möglichkeiten zu verorten.
Die SAP-Community braucht einen aktuellen ERP-Diskurs. Diese Debatte muss ganzheitlich und ergebnisoffen geführt werden. Es müssen alle betriebswirtschaftlichen, organisatorischen, technischen und lizenzrechtlichen Aspekte evaluiert, verifiziert und diskutiert werden. SAP sollte für die Bestandskunden, die CIOs und CFOs, die Analysten, Wissenschaftler und Consultants aus der Community eine Plattform für diesen ERP-Diskurs schaffen.
Christian Klein als jährlicher Besucher des Weltwirtschaftsforums in Davos hat immer auf die Notwendigkeit des Miteinanderredens hingewiesen. Er hat mehrfach betont, wie wichtig ein offener Austausch von Argumenten, Meinungen und Fakten ist. Dieser Diskurs darf aber nicht nur SAP-Bestandskunden betreffen, die kurz vor einer S/4-Conversion stehen. Ein handverlesenes Auditorium ist in dieser Situation kontraproduktiv. SAP sollte den Mut haben, sich zu öffnen, Widersprüche zuzulassen und ergebnisoffen anhand von ERP-Prototypen zu diskutieren. Überraschenderweise gab es bei SAP schon einmal einen solchen IT-Diskurs, als die Datenbank Hana noch jung war und SAP viele Ideen für die Entwicklung einsammelte – aber damals war Christian Klein noch ein Assistent beim ehemaligen SAP-Vorstand Gerd Oswald.